Weißenhofsiedlung

Wie sich die führenden Architekten der 1920er-Jahre modernes Wohnen vorgestellt haben, kann man in der Weißenhofsiedlung nachvollziehen. Diese Wohnanlage ist eines der bedeutendsten Ar¬chitekturdenkmäler der Moderne.
Die 1927 erbaute Mustersiedlung war wichtigster Teil der Ausstellung »Die Wohnung« des Deutschen Werkbundes, in der die 1907 von ihm erhobenen Forderungen für Wohnen in die Praxis umgesetzt werden sollten. Moderne Wohnungen sollten unter Vermeidung alles »Salonhaften und Überflüssigen« hell und hygienisch gestaltet wer¬den; die Form des Hauses sollte auf die Funktion ausgerichtet sein.
Der Bebauungsplan stammt von Ludwig Mies van der Rohe. Der Berliner Architekt und spätere Bauhausdirektor wählte gemeinsam mit dem Deutschen Werkbund und den Gremien der Stadt Stuttgart die mit der Planung betrauten Architekten aus, alles namhafte Ver-treter der jungen europäischen Avantgarde: Walter Gropius aus Des¬sau, Hans Scharoun und Adolf Rading aus Breslau, Richard Docker und Adolf G. Schneck aus Stuttgart, Peter Behrens, Hans Poelzig, Ludwig Hilbersheimer sowie die Brüder Max und Bruno Taut aus Berlin, Le Corbusier aus Paris, J. J. P. Oud und Mart Stam aus Rotter¬dam, Josef Frank aus Wien und Victor Bourgeois aus Brüssel. Die viel beachtete und von konservativen Architekten als »Schandfleck Stuttgarts« scharf kritisierte Siedlung (► Baedeker Special S. 284) wurde 1938 von der Stadt Stuttgart an das Deutsche Reich verkauft. Doch dem geplanten Totalabbruch kam der Krieg zuvor. Fünf von 21 Musterhäusern wurden durch Bomben zerstört, weitere fünf Ge¬bäude in den 1950er-Jahren abgerissen.
Als 1956 die Häuser von Le Corbusier abgebrochen werden sollten, gab es Proteste. Daraufhin wurden die elf erhaltenen Originalbauten 1958 unter Denkmalschutz gestellt, für ihren Erhalt jedoch nichts unternommen. Erst 1977, also 50 Jahre nach der Fertigstellung der Siedlung, wurde die Öffentlichkeit durch einen Aufruf zur Erhaltung des Ensembles wachgerüttelt und der Verein »Freünde der Weißen¬hofsiedlung e. V.« gegründet. Bei der Restaurierung der Siedlung, die schließlich zwischen 1981 und 1987 erfolgte, wurden die zerstörten Gebäude nicht wieder original aufgebaut, d. h. auf ihren Grundstü¬cken entstanden Ersatzbauten. Die Bewohner der Anlage sind zum größten Teil Staatsbedienstete. Rund 30 000 Besucher besichtigen jährlich die Weißenhofsiedlung.
Die Weißenhofsiedlung ist ein Manifest der modernen Architektur und ihrer Forderung nach Rationalisierung des Bauens und Wohnens. In der Siedlung wurden Lösungen für unterschiedliche Typen von Wohngebäuden entwickelt und realisiert – vom Einfamilien-, Doppel- und Reihenhaus bis zum großen, viergeschossigen Mehrfa¬milienhaus, das Mies van der Rohe entworfen hatte. Alle Häuser ha¬ben Flachdächer, einige davon, z. B. die von Le Corbusier, auch Dachgärten auf dem obersten Geschoss. Der Skelettbau ermöglicht sowohl eine flexible Innenaufteilung der Wohnungen als auch eine freiere Außengestaltung, z. B. durch breite Fensterbänder über die ge¬samte Fassadenbreite. Von außen nicht sichtbar ist ein weiteres Cha¬rakteristikum der neuen Planung: die Minimierung der Verkehrsflä¬chen zugunsten von Wohn- und Aufenthaltsräumen.
Der Rundgang beginnt an der Weißenhof-Information im Mies-van- der-Rohe-Bau mit einem Modell der gesamten Anlage, einer Ausstel¬lung über sämtliche Bauten und Architekten der Siedlung sowie ei¬nen Buch-Shop. Von dort gelangt man zu den Reihenhäusern von Mart Stam, zum Terassenhaus von Peter Behrens und zu den Einfa¬milienhäusern von Hans Scharoun und Josef Frank. Entlang der Ra¬thenaustraße befinden sich einige Ersatzbauten, bis man auf das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret trifft, das zu den bekanntesten Gebäuden des Siedlung zählt. Dieses Doppelhaus wur¬de zu Schauhaus und Museum umgestaltet. Es besteht damit erstma¬lig die Möglichkeit, ein Originalgebäude von innen zu besichtigen.
Außerdem erwartet den Besucher in dem Gebäude ein Dokumentationszentrum zur hiesigen Bauhaus-Tradition. Anschließend erreicht man die Friedrich-Ebert-Straße mit den Bauten von Bourgeois und Schneck. Zurück über die Treppe des Bruckmann-Wegs findet man das Einfamilienhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret, das Haus Schneck und schließlich die Reihenhäuser von Oud, direkt ge¬genüber des Mies-van-der-Rohe-Blocks. Da es nicht immer einfach ist, »echte« Weißenhof-Häuser von »unechten« zu unterscheiden, wurden sie mit Tafeln versehen, auf denen der Name des jeweiligen Architekten zu lesen ist.
Unweit der Weißenhofsiedlung befindet sich die Kunstakademie, her- vorgegangen aus der 1761 gegründeten Acad6mie des Arts des Her- zogs Carl Eugen. Das Gebäude (Am Weißenhof 1) wurde 1912 kon¬zipiert; der Erweiterungsbau entstand in den 1960er-Jahren. Die Akademie genießt einen sehr guten Ruf – hier lehrten Künstler wie Hoelzel, Baumeister und Hrdlicka.

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